Aufgerückt in den Hafen von Genua

Heute sind wir fast die ersten an der Ablegestelle. Sinnigerweise hat die Fähre nach Anschlag am Check-In ca. 8 Stunden Verspätung. Dafür ist es auch nicht die Carthage sondern der Klassiker unter den Fähren, die Habib, genau wie auf Bernds erster Fahrt nach Tunis Anno 1983. Irgendwann am späten Nachmittag kommt zu der unangenehmen Kälte auch noch der Regen. Silvester auf See können wir jetzt knicken und aus der Pizza in dem Super-Restaurant ist auch nichts geworden, weil die Ticket-Umschreiberei irgendwie doch drei Stunden gekostet hat. Leider genau über Mittag. Jetzt sitzen alle in ihren Autos weil die Bar oben auch zugemacht hat und wir zu schwach sind, in die Stadt zu laufen. Silvester werden wir also im Hafen hier in der Autoschlange verbringen. Der Sekt ist schon kaltgestellt (wobei man hier eigentlich nichts kaltstellen muss, es ist schweinekalt).
Dafür sind jetzt alle Autos fit. Bei Werners Toyota wurde noch der Auspuff gerichtet, der Nissan kriegt auch wieder den Diesel, den er braucht, alles ist okay. Den Campingplatz haben wir gestern zum Fahrerlager umfunktioniert, es wurde reichlich geschraubt und gepackt und die speziellen Ausbauten wurden vorgeführt. Unsere Holländer sind eindeutig phantasievoller, als wir: René hat seinen zweiten Wassertank umfunktioniert und 25 Liter Wodka eingefüllt – bei Bedarf mit dem Schlauch portionierbar. André und Laila haben so nette kleine Dinge dabei wie einen Schlauch, den man an die Standheizung halten und als Föhn benutzen kann – und das Survival-Pinkelset für Frauen (Tüten mit Gel, in die man bei nächtlicher Löwengefahr pinkeln kann, wenn man sich nicht nach draussen traut – vielleicht nicht hier im Hafen von Genua, aber in Kenia und Tansania, falls wir da jemals hinkommen). Ich werde leider die klassische Methode praktizieren und in so einer Situation wohl vom Reserverad aus zielen müssen…
Wir sind also eine holländisch-deutsche Gruppe. René fährt alleine in seinem Toyota, André und Laila – ebenfalls Toyota, Werner und Bärbel dito, Bernd und ich im Nissan (die Toyotas bleiben zu Haus im Winterschlaf – einfach kann ja jeder). Die Stimmung ist trotz allem sehr gut und wir harren der Dinge, die da kommen. Wenn sie denn kommen.
Statt des Silvester-Menüs gibt es jetzt Ravioli in pikanter Sauce. Und da die Autos Stoßstange an Stoßstange geparkt sind und wir nicht an unseren Kocher kommen, machen wir die Dose auf der Lüftung warm. Guten Appetit, aber Schicki-Micki haben wir ja auch zu Hause.
Wir schicken einen lieben Neujahrsgruß an alle, die jetzt lesenderweise dabei sind, an alle, die uns geholfen haben und an alle unsere Freunde.

29.12. – Afrika fängt hinter dem Gotthard an

Afrika fängt hinter dem Gotthard an. Zumindest was die gestern angesprochenen Unwägbarkeiten betrifft. Die Reise hat unter diesem Aspekt heute richtig begonnen. Herzliche Grüße aus Genua! Eigentlich sollten wir jetzt auf der Fähre nach Tunis sein und Pastis trinken. Wir haben die Fähre auch gesehen. Sah gut aus, wie sie da ablegte. Leider war die Perspektive diesmal eine andere als sonst. Wir standen mit unseren Autos am Kai. Und alles Bitten und Betteln und Schöne-Augen-Machen hat auch nichts gebracht. Wir waren zu spät. Und die Klappe wollten sie partout nicht noch mal aufmachen für uns. Oh weia.
Dabei fing heute morgen alles ganz planmäßig an. Bernd und ich schliefen länger, als die anderen, weil wir erst um 5 Uhr morgens angekommen waren. Um 11 Uhr sind wir dann los, der Rest hat sich schon eine Stunde früher aufgemacht. Es war kalt, so etwa 10 Grad minus, und Bernd freute sich über seinen Nissan, der so wunderbar anspringt bei dieser Temperatur. Leider fuhr er nur 300 Meter und blieb dann stehen. Die Spritleitung war eingefroren, weil im Zusatztank ein wildes Diesel-Gebräu war (wohl noch aus irgendwelchen mongolischen Steppen), das offensichtlich reichlich Wasser enthielt, das über Nacht gefroren war. Der Nissan rührte sich nicht mehr (obwohl er ja als Auto an und für sich nichts dafür kann, aber so viel sei zur Ehrenrettung der Buschtaxis gesagt: ein ebensolches schleppte uns dann ab in wärmere Regionen). Mit ein bisschen Zusatz von Benzin lief er dann wieder, doch leider war es etwa eine Viertelstunde zu spät. Jetzt sind wir also in Genua und fragen uns, wozu das wohl gut ist. Wer weiß, vielleicht säuft der Kahn ja ab heute Nacht. Jedenfalls haben wir so das Vergnügen, Silvester auf See zu erleben, übermorgen fährt nämlich unsere Fähre. Und diesmal rechnen wir bei der 20 Kilometer-Anfahrt mit dem Schlimmsten und treten uns dann die Beine im Hafen in den Bauch, weil wir viel zu früh da sind. Machen wir natürlich nicht. Wir werden lecker Pizza essen gehen.

Die Reise geht los

28.12.05 – Die Reise geht los
Es ist 19 Uhr und wir haben es immerhin schon bis Frankfurt geschafft. Die Nacht wird lang werden heute, denn wir müssen noch das Satellitentelefon abholen und auf alle Fälle bis hinter den Gotthard fahren. Die Straßen sollen zugeschneit sein bei Baden-Baden. Egal. Wir sind endlich los. Ich habe schon befürchtet, dass ich alleine fahren muss, weil Bernd die letzten Tage krank im Bett lag und schon jetzt die Reiseapotheke halb aufgebraucht hat. Aber er ist wieder auf die Beine gekommen – wenn das Abenteuer ruft, kann der Expeditionsleiter schlecht kneifen.
Jetzt ist also der Nissan bis oben hin gepackt und wir sind äußerst guter Dinge. Um uns die Zeit auf der Autobahn zu verkürzen, interviewe ich Bernd ein bisschen über die geplante Tour:

(Warum fährst Du jetzt auf dieser Route nach und durch Afrika?)
Bernd: „Die fehlt mir. Es war eigentlich mein Plan gewesen, dass meine allererste Reise da lang gehen sollte. 1983. Es ist meine absolute Traumroute. Einmal auf der Ostroute in das südliche Afrika. Wahrscheinlich ist es nicht nur für mich ein Traum, sondern für viele andere auch. Ich wollte da schon als Kind hin. Daktari und wilde Tiere und so, den Diercke Weltatlas auf den Knien im Matheunterricht. Darum war ich auch so schlecht in Mathe. Da habe ich die ganzen Routen eingezeichnet, die ich mal fahren wollte. 1983 hat es nicht geklappt, weil die Unruhen im Sudan es nach unserem Informationsstand nicht zuließen. Danach habe ich es noch mal mit dem Unimog versucht, ich wollte auf dem Weg nach Australien zuerst nach Südafrika. Damals wollte ich aber nicht über den Nasser-Stausee, sondern illegal aus Ägypten oder Libyen in den Sudan. Leider habe ich keinen Mitfahrer gefunden. Ich hatte sogar eine Annonce in der Tours aufgegeben, aber es hat sich keiner getraut. Ich glaube, das war 1996.
Jetzt ist der dritte Anlauf, und endlich klappt es. Diese Länder: Ägypten, Sudan, Äthiopien – die sind so geschichtsträchtig und gleichzeitig so geheimnisvoll. Diese ganze Tour ist für mich ein echtes Abenteuer, und das ist für mich der Reiz. Es gibt einfach ziemlich viele Unwägbarkeiten, die die Sache spannend machen. Zum Beispiel, wie wir über die Grenze von Ägypten in den Sudan kommen werden. Wir müssen eine Fähre nehmen, weil der Landweg gesperrt ist und so mancher hat da schon zwei Wochen warten müssen. Und Schwarzafrika ist ohnehin eine einzige Unwägbarkeit. Vom Klima her, die Grenzen, eigentlich alles. Man plant immer alles Mögliche, aber der berühmte Plan A kann in Afrika selten umgesetzt werden. Es kommt meistens anders. Das ist auf alle Fälle interessant. Ob aus dem Interessanten dann Spaß wird, stellt sich dann jeweils heraus. Eigentlich ist Afrika der krasseste Gegensatz zu dem durchgeplanten und reglementierten Leben in Deutschland.“

Soweit Bernd.
Und ich? Für mich ist der Reiz an dieser Tour, dass sie verspricht, eine wirkliche Reise zu werden, sprich: wir sind auf eine Art unterwegs, dass man morgens nicht weiß, wo man abends sein wird, wo man nicht weiß, was einem tagsüber begegnen wird, welche Situationen auf einen einstürmen, welche Schwierigkeiten gelöst werden wollen, es ist sehr viel offen. Die Eckdaten sind klar, die grobe Route auch, das Ziel auch, dazwischen sind Millionen Fragezeichen und am Ende möchte ich jede Frage beantwortet haben. Das ist das Abenteuer für mich dabei. Und darum fahre ich hier mit. Ich kann nicht behaupten, dass ich schon in der Schule mit dem Atlas auf den Knien… Aber für mich war Reisen per se immer ein wichtiger und spannender Teil meines Lebens. Eigentlich ein notwendiger. War privat und beruflich für Dreharbeiten in vielen abgelegenen Ecken dieser Welt und dieses Unterwegssein ist für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Jetzt also Afrika. Außer Marokko, Algerien und Mauretanien ist es für mich Neuland. Ich bin sehr gespannt. Und hoffe auf viele Erlebnisse, die mich die Welt mit neuen Augen sehen lassen.

Wir werden regelmäßig schreiben – geplant ist jeden Tag, ob die Internet-Technik mitspielt, ist die andere Frage (vielleicht nicht, aber es wird dann geballt nachgereicht).
Bis bald, Angela