Abschied von Aegypten

Ein letztes Mal und kurz melden wir uns aus Aegypten – morgen soll es auf’s Boot gehen hier in Assuan, wir machen uns auf den Weg in den Sudan und sind schon hoechst gespannt. Trotzdem verlassen wir Aegypten ein bisschen traurig, das Reisen hier war wunderschoen und ich koennte noch gut einige Zeit hier verbringen. Sowohl in der so abwechslungsreichen Wueste, als auch in den vielen Tempeln und am Nil.
Nach der Wueste haben wir in Luxor Kultur getankt: der Karnak-Tempel im fruehen Morgenlicht. Per Konvoi fuhren Bernd und ich dann nach Assuan vor, um hier die Bootsueberfahrt in den Sudan zu klaeren. (Die Konvois sind ein Thema fuer sich, sie dienen wohl dem Schutz von Touristen, aber wenn man so im Konvoi faehrt ist man natuerlich auf dem Praesentiertablett. Ausserdem haben wir nicht das Gefuehl, hier in irgendeiner Form bedroht zu sein. Wir haben es dann letztlich auch geschafft, dem Konvoi davonzufahren, bis wir 50 km vor Assuan eine Privatpolizeieskorte bekommen haben…) Heute morgen kamen die anderen nach und morgen irgendwann soll es dann auf den Nassersee gehen, so Gott will. Durch die hier meist nicht nachvollziehbaren buerokratischen Vorschriften (oh, da sind die Aegypter RIESENGROSS drin) werden wir uns fuer die Ueberfahrt wohl aufteilen muessen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Denn die Autos kommen auf einen Ponton und pro Auto darf nur ein Passagier mit auf den Ponton. Die anderen muessen mit der Passagierfaehre fahren. Die faehrt zwar schneller, nur 18 Stunden im Gegensatz zu drei Tagen mit dem Ponton, aber eigentlich wuerden wir viel lieber geschlossen Robinson Crusoe auf dem Ponton spielen. Zumal man da sein Bett ja auch gleich dabei hat und sich unterwegs lecker was kochen kann. Mal schaun, ob im Hafen noch etwas dran zu drehen ist, bislang zeigt sich die Shipping Company sehr strikt. Naja, ansonsten ist Wadi Halfa im Sudan bestimmt einen langen Bericht wert, wenn wir dort auf die Autos warten muessen. Ich stelle mir diesen Ort aeusserst exotisch vor 🙂
Melden werden wir uns erst wieder in einigen Tagen, aus dem Sudan, sofern sich dort eine Moeglichkeit findet.
Bis dahin, herzliche Gruesse aus dem wirklich schoenen Assuan!

Western Desert und Weisse Wueste

Es ist ein ägyptischer Traum: Eisschollen in der Wüste. Glänzendes rosa Perlmuttparkett. Kanonenkugeln aus schwarzem Stein im Sand. Pastellfarben überall, von Rosa über Sand bis Hellblau und Violett. Uralte Tonkrüge unvermutet freigelegt. Das Fahren durch die Dünen ist wie Abfahrtslauf mit Tiefschneepassagen.
Wie befreit man sich aus Klischees, um zu beschreiben, was wir hier erleben? Ich glaube, ich versage komplett. Sorry dafür. Ich versuche mein Bestes, aber ich bräuchte wohl ein paar Stunden Ruhe für mich, alleine an einem Platz, um das alles erst mal setzen zu lassen und dann zu beschreiben. Wie bloß anfangen, nach diesen vier fantastischen vergangenen Tagen?
Vielleicht so?: Mohammed und Ahmed kommen ans Lagerfeuer und bitten uns, ihnen zu folgen. Sie führen uns durch ein dunkles Loch in die Erde hinab…
Oder so?: Der Vollmond leuchtet wie eine immense Laterne über den Champignons aus Kalk. Die Landschaft um uns herum – hell und gefroren wie Schnee. Das Lagerfeuer prasselt und vor uns dampfen Platten mit beduinischem Essen…
Oder so?: Wo um Himmels Willen verstecken sich alle diese Riesenmaulwürfe, die hier diese Riesenmaulwurfshügel schaufeln? Oder sind diese Aufwürfe verwitterte Pyramiden, die noch der Ausgrabung harren?

Keine Ahnung, womit ich anfangen soll, totale Überforderung. Wir haben gerade vorzüglich gespeist. Beduinenessen im mitgebrachten „Wohnzimmer“. Drei Paravents, hübsch orientalisch, halten den Wind ab, wir sitzen auf Matratzen und schauen ins Lagerfeuer. Wir haben uns den Luxus gegönnt, für vier Tage mit einem einheimischen Führer und seinem Begleiter entlang der schönsten Punkte durch die libysche Wüste/die western desert bis nach Dakhla zu fahren. Es gab ein wenig Diskussionen, ob das notwendig sei, aber schließlich haben wir uns gemeinschaftlich dafür entschieden. Und obwohl das unser aller Art nicht ist, geführt zu reisen, müssen wir mit Inbrunst sagen, es war die perfekte Entscheidung! Wir passierten zwar schon einige Punkte, die wir ohnehin anfahren wollten, aber Mohammed hat uns zusätzlich an Plätze geführt, die einem die Sprache verschlagen. Er ist ein Kind der Wüste. Zwar erst 24 Jahre alt, aber mit seinem Toyota verwachsen wie die mongolischen Kinder mit ihren Pferden. Es macht Spaß, hinter ihm herzufahren – und ihm macht es auch sichtlich Spaß, mit uns unterwegs zu sein und neue Alternativen zu seiner angestammten Route zu probieren.
Ich liebe die Sahara. Habe sicherlich lange nicht so viel davon gesehen, wie Bernd, aber mich doch von vielen Plätzen und Landschaften beeindrucken lassen. Was wir hier in kürzester Zeit an wechselhaften Landschaften zu sehen bekommen, übersteigt alles bisher Erlebte.
Für mich war die Weiße Wüste schon im Vorhinein ein absolutes Highlight der gesamten Reise, auf das ich mich unglaublich gefreut habe. Habe Fotos gesehen und dachte, da willst Du hin. Jetzt bin ich da, und mir fehlen die Worte, es zu beschreiben.

Werner und Rene kamen vor vier Tagen abends aus Kairo zurück und in einer dunklen abendlichen Schraubaktion wurden die Ersatzteile eingebaut. Und nachdem wir am nächsten Morgen alle noch einmal in der fast unerträglich heißen Thermalquelle in Bahariya gebadet haben, sind wir mit Mohammed und Ahmed losgefahren. Über lange weiche Rodelhänge ging es hoch auf ein Hochplateau und dort dann zwischen besagten Riesenmaulwurfshügeln weiter. Die anstrengende Anfahrt zu Rohlfs Höhle über sehr steinige Pisten wurde abends mehr als wieder wettgemacht. Nach dem Essen verschwanden unsere beiden Führer und als sie zurückkamen führten sie uns in die mit Kerzen erleuchtete Tropfsteinhöhle. Es war ein ergreifendes Gefühl, in dieser großen Höhle herumzulaufen oder im Sand zu liegen und die Formationen vom Kerzenlicht erhellt auf sich wirken zu lassen. Ein Ort der Andacht. Entdeckt wurde diese Höhle im 19. Jahrhundert von dem Saharaforscher Rohlf. Dann geriet sie in Vergessenheit, bis der Kölner Carlo Bergmann sie bei seinen Wanderungen mit Kamelen 1989 wiederentdeckte. Die einheimischen Tourguides aus Bahrariya kennen ihre Position, ansonsten ist ihre Lage nur wenigen bekannt. Und man kann nur hoffen, dass das so bleibt, denn nach wie vor ist die Höhle ein echtes unzerstörtes Juwel.

Am nächsten Tag sind wir dann Richtung Weiße Wüste gefahren. Erst ein wenig ermüdend durch eine steinige Mondlandschaft, und dann, am Nachmittag, geht der absolute Wahnsinn los. Fahrten durch felsige Schluchten und durch Dünen, endlich wieder Sand unter den Rädern, alle geben ordentlich Gas und schwingen sich durch die sandigen Hügel. Wüstenballett. Als die Sonne schon tief steht, kommen wir in die ersten Ausläufer der Weißen Wüste: große Kalksteinformationen, orange-gelb angestrahlt, dort machen wir auch Camp und fotografieren und filmen was das Zeug hält.

Und es gibt immer noch Steigerungen. Heute sind wir mit viel Schwung in Steilkurven durch die Dünen zu unserem ersten Ziel gewedelt: die verzauberte Quelle. Eine kleine Oase mitten in der trockenen Ödnis. Haare waschen und weiter. Und plötzlich sind wir da: bei den weißen Champignons, ein ganzes riesiges Feld voller meterhoher Kalksteinpilze. Und es ist erst Frühstückszeit. Was sollte jetzt noch kommen? Immer wieder wird das eben Gesehene getoppt. Wir haben uns von unseren Pilzen auf einen sagenhaften Rundkurs begeben und sind stundenlang durch einen Krater mit Steinmonumenten gefahren, immer mit viel Schwung die Sandberge rauf, grandiose Ausblicke und Abfahrten und endlos neue Eindrücke. Abends campen wir inmitten der Pilze, die Sonne geht unter und am Himmel entfaltet sich ein Farbenspiel aus Pastell.
Der letzte Tag mit unseren Führer beginnt mit einer langen Dünenetappe und bringt uns dann durch den Karafish: ein großer Felsabbruch nach Dakhla. Am Abstieg campen wir ein letztes Mal gemeinsam und genießen die beduinische Bewirtung und die tolle Aussicht. Wir bekommen Besuch von einem Fenek. Sonst sind die Wüstenfüchse absolut scheu, dieser ist ausgesprochen mutig und holt sich sein Abendessen bei uns ab. Bei Tee am Feuer fangen Mohammed und Ahmed an zu singen, der Wasserkanister dient als Trommel und ich höre jetzt auf. Diese Schwelgerei bringt auch nicht im Entferntesten das Gefühl rüber, das wir hier haben. Ich hoffe, aber wenigstens einen Hauch davon. Vielleicht schaffe ich es mit ein paar Fotos.

Jetzt haben wir in Dakhla getankt und uns ein bisschen wehmütig von Mohammed und Ahmed verabschiedet – wir fahren weiter nach Luxor. Im nächsten Jahr wollen wir die beiden wiedertreffen.