Abschied von Afrika

Das Flugzeug fliegt in einem Bogen über die Landebahn, der Pilot vergewissert sich, dass keine Büffel oder Elefanten darauf herumlaufen, bevor er zur Landung ansetzt. Dann geht alles ganz schnell. Ein paar Touristen steigen aus, die Wartenden steigen ein, das bisschen Gepäck wird verladen, schon gehen die Propeller wieder an. Und ich sitze im Flugzeug mit einem Kloß im Hals. Mein Abschied von der Reise. Mit einem kleinen Flieger mitten aus dem Nationalpark. Ein passender und doch viel zu schneller Abschied von einer langen Tour, die ich gerne fortgesetzt hätte. Ein trauriger Abschied, das versteht sich von selbst. Ich muss nach Hause. Bernd und Rene winken wie verrückt. Ich winke zurück, obwohl sie es nicht sehen können. Dann komme ich mir blöd vor, aber von den paar Passagieren nimmt keiner Notiz von mir. Gottseidank.
Das Flugzeug startet und fliegt am Kilimanjaro vorbei. Es ist eine phantastische Sicht. Unter mir erstreckt sich die Savanne. Vereinzelte Bäume, ich sehe tatsächlich noch einmal Elefanten. Dann gewinnen wir an Höhe, ich erkenne nur noch kleine Pisten, Spuren im Sand.
Unter mir erstreckt sich die Weite Afrikas.
Ich lehne mich zurück. Ich denke an Tanja Blixen, an Hemingway, an die „African Queen“. An alle diese epischen Werke, die zu Hause auf dem Sofa an einem verregneten Sonntag Nachmittag in die magische Ferne Afrikas entführen. In eine Welt, von der man gerne träumt, aber die gleichzeitig vergangen scheint. Oder erfunden. Ich denke an Grzimek und an wundervolle Filme über die Tiere in den Savannen Ostafrikas. Bilder und Geschichten, die Sehnsucht wecken. Alles Fiktion?
Ich denke an die europäischen Abenteurer und Entdecker, die einst auszogen, diesen schwarzen Kontinent zu erforschen. An die Berichte ihrer wagemutigen und spannenden Expeditionen. Und an die Folgen.
Ich denke an die Kolonialmächte, die Afrika bluten ließen, so lange, wie es sich lohnte.
Ich denke an das Afrika-Bild, das uns heute zu Hause in den Medien präsentiert wird. Armut, Krankheit, Ausbeutung, Kriege.
Ich versuche, diese ganzen Facetten unter einen Hut zu bekommen. Meine Erwartungen mit der von mir erlebten Realität zu vergleichen. Mir mein eigenes Afrika-Bild zu machen.
Auf Schritt und Tritt – und Kilometer für Kilometer – stürmten die Eindrücke auf mich ein. Ein Kaleidoskop aus Geschichte und Geschichten, Menschen, Erlebnissen, Erzählungen, Vorstellungen und Landschaft.
Was ist Afrika? Alles davon ist Afrika. Und noch viel mehr. Ich habe ein Puzzle zusammengetragen, das mich wohl noch lange zu Hause beschäftigen wird. Nicht nur an verregneten Sonntag Nachmittagen.
Ich werde die einzelnen Teile sortieren. Einige fügen sich schon zusammen. Es gibt noch einige Lücken. Auf jeden Fall ist Afrika viel mehr, als Fernsehen und Zeitungen suggerieren.
Ich bin glücklich, dass ich es erfahren durfte. Nie hat mich eine Reise so gefangen genommen. Ich werde wiederkommen, um die fehlenden Teile zu suchen. Bald schon. Irgendwo in Afrika.

Safari

Ich glaube das einfach nicht. Es ist unwirklich. Es fehlt nur noch das Streichorchester mit einer melancholischen Melodie. Und dann der Abspann, natürlich auf dem Sonnenuntergang.
So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe geglaubt, ich fahre irgendwie in so eine Art Riesenzoo und quetsche mich zwischen den anderen Besuchern durch. Und sehe jede Menge kurzbehoster rotverbrannter dicker Touristen und wenn ich Glück habe, auch mal irgendein Tier. Und jetzt das.
Wir stehen im Aboseli-Nationalpark auf dem Public Campsite und haben das Gefühl, wir sind alleine mitten im Busch. Ich habe Feuer gemacht, trinke Rotwein, schaue in die Flammen, Bernd kocht ein ausgefallenes italienisches Essen. Die Affenhorde von vorhin ist mit der Sonne schlafen gegangen. Vorher haben sie uns noch eine Gute-Nacht-Vorstellung gegeben. Über uns funkeln unendlich viele Sterne.
Was für ein Tag heute. Und gestern auch, und vorgestern. Wir sind auf Safari. Erst im Tsavo-Nationalpark, jetzt hier. Am ersten Abend war ich schon aus dem Häuschen, als wir nach der Einfahrt in den Park einen einsamen Elefantenbullen sahen und später noch ein paar Giraffen und Nilpferde. Ich dachte, okay, das ist wirklich nett hier. Und man sieht tatsächlich auch ein paar Tiere. Das haben wir mit einem luxuriösen Dinner in einer Lodge gefeiert, an der wir zelten durften.
Am nächsten Morgen habe ich meine Erwartungen hochgeschraubt. Ich habe mal einen Roman gelesen über Leute auf Safari und mich köstlich amüsiert, wie einer mit einer Liste rumlief, auf der er jede Tierart abgehakt hat, die er gesehen hat. Und jetzt muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich innerlich auch irgendwie so etwas wie eine Liste hatte. Darauf Elefanten, Zebras, Giraffen, Löwen, Büffel. Vielleicht auch ein Nashorn?
Diese imaginäre Liste zeugt von meinem inneren Zweifel, diese Tiere alle tatsächlich zu sehen zu kriegen..
Und dann löst sich die Liste schlagartig in Luft auf. Sie verpufft in meinem Hirn. Oder hat da keinen Platz mehr, weil dauernd neue Bilder kommen. So viele auf einmal. Anfangs ist große Aufregung. Da, da vorne. Siehst Du? Die Giraffe, oh, da sind ja noch mehr. Und schau mal, der kleine Elefant dort, der ist höchstens ein paar Tage alt. Wie süß. Guck mal, der kommt kaum mit seinem Rüssel aus dem Wasser. Büffel hier, Gnus dort, ganze Herden. Zebras und Marabus am Wasserloch, Nilpferde, Krokodile, Affen, Antilopen. Tiere, so weit das Auge reicht.
Und dann ändert sich etwas in der Wahrnehmung. Wir sind nicht mehr auf der „Jagd“ nach neuen Exemplaren, wir sind einfach da und mittendrin und sehen und fühlen und genießen. Und finden es extraordinär normal.
Heute Morgen begrüßte uns der Kilimanjaro. Der Gipfel völlig wolkenfrei. Wir haben ein Massai-Dorf besucht und besichtigt. Zugegebenermaßen ist das eine sehr touristische Aktion gewesen. Ein bisschen wie im Freilicht-Museum, mit Eintritt und Begrüßungstanz. Aber dann wurde es äußerst interessant. Denn trotz der klaren Ausrichtung auf touristische Vorführung konnten wir lange und interessante Gespräche mit den Massai führen. Sie haben uns kleine Einblicke in ihre Lebensweise gewährt. Mit einem von ihnen, Sakimba, haben wir den ganzen Tag im Nationalpark verbracht. Er erzählte vom Leben im Dorf, von seinen Frauen und Kindern, der Herde. Und von der Löwenjagd, die einen Massai erst zum Mann macht. Er zeigte mir die Narben von seinem Kampf, und die Löwen-Zähne als Trophäe. Heute dürfen sie die Löwen nicht mehr jagen. Der Bestand ist zu klein geworden. Ihre Rinderherden haben sie noch, und sie leben nach wie vor in den klassischen Lehmhütten, die die Frauen bauen. Doch die Haupteinkünfte kommen inzwischen von den Touristen, die bei ihnen Souvenirs kaufen. Wahrscheinlich ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis das Dorf im Park mit der Dämmerung verwaist und die Massai mit dem Auto in ihre Häuser in der Stadt fahren, um am nächsten Morgen zur Arbeit ins Museumsdorf zurückzukehren. Noch ist es nicht so weit. Noch leben und schlafen sie hier, beschützt von einem Zaun aus Dornbüschen, der die Löwen abhalten soll, die sie nicht mehr jagen dürfen. Zum Abschied tauschen wir die Handynummern aus. Sakimbas Vater lebt schon in der Stadt. Bei ihm kann er den Akku laden. Sakimba selbst will bleiben. Wie lange funktioniert so ein Leben zwischen Tradition und Hightech?
Wir haben aufgegessen, den letzten Wein getrunken, noch eine Zigarette geraucht. Wir legen das letzte Holz aufs Feuer und klettern in unser Dachzelt. Mein letzter Blick sieht die Sterne und die Glut. Mein letzter Abend in Afrika.